Georg Johann Faust - Legende

Lange bevor Goethe fast sein ganzes Leben lang an "Faust" geschrieben hatte, gehörte der Faust-Stoff zur literarischen Tradition. Er führte im Volke ein Eigenleben und die Geschichten um Faust wurden in den verschiedenen Versionen des Volksbuches vom Doktor Faust im 16. und 17. Jahrhundert gerne gelesen. Das erste wurde 1587 von Johann Spies in Frankfurt am Main veröffentlicht und wurde zur Vorlage einer großen Zahl anderer Volksbücher vom "Doktor Faustus" und auch zur Quelle für Johann Wolfgang von Goethe. Der Titel des Buches lautet: „Historia von D. Johann Fausten“.
 

Goethe lernte schon in jungen Jahren die Geschichten um Faust kennen und lieben. Wenn man Auszüge aus dem Volksbuch "Historia von D. Faust" mit Goethes "Faust" vergleicht, findet man einige Übereinstimmungen besonders am Anfang des Dramas, doch dann löst sich das Drama sehr schnell von der mittelalterlichen Faust-Figur und der literarischen Vorlage. Selbst die Wette mit dem Teufel, das Grundmotiv aller Versionen der Faust-Legende, wird von Goethe verändert: In Volksbuch und Sage ist Faust ein aktiver Teufelsbündner und –beschwörer, der sich nach Theologie- und Medizinstudium der Zauberei zuwendet und sich dem Teufel verschreibt, dessen Diener Mephistopheles (»Mephisto«) ihm ein abenteuerliches Genussleben ermöglicht und ihn nach Ablauf der Wette erdrosselt; folgerichtig und zu Recht fährt Faust nach seinem entsetzlichen Tod zur Hölle.
 

Im 16.Jahrhundert in Deutschland wurde Faust mit dem Leben und Wirken des historischen "Schwarzkünstlers" Johann (Georg) Faust aus Knittlingen verknüpft. Dieser wurde um 1480 in Knittlingen (Württemberg) geboren und kam nach einem unstetem Wanderleben um 1540 in Stauten (Breisgau) durch Gewalt ums Leben. Um 1506 trat er mit Zauberkunststücken und als Horoskopsteller auf, war dann(1507) Schulmeister in Kreuznach und danach erschien er noch in vielen anderen Städten, wo man ihn allerdings nur kurze Zeit ertrug und ihm bald darauf auch immer wieder die Türe wies.

Faust wird literarisch und in der Kunst zu einer europäischen Symbolgestalt des suchenden (des "faustischen") Menschen. Um 1590 entsteht das erste "Faust"-Drama des Engländers Christopher Marlowe, eines Zeitgenossen von Shakespeare: "The Tragical History of Doctor Faustus". Auf diesen "Faust" gehen auch die Volksschauspiele zurück, die englische Komödianten mit dem beginnenden 17. Jahrhundert auf dem Festland aufführten, und schließlich auch die sich daran anlehnenden Puppenspiele. Über sie wurde der Faust-Stoff auch dem jungen Goethe vertraut.

Eine – auch für Goethe - wichtige Veränderung waren G. E. Lessings Pläne zu einem "Faust"-Drama (seit 1755), die der Aufklärung entsprechend keine Höllenfahrt Fausts mehr vorsahen, sondern dessen Errettung – wie dann auch in Goethe. Goethes "Faust" als der wohl bedeutendsten dichterischen Gestaltung des Faust-Stoffes, beginnend mit dem zwischen 1772 uns 1775 entstandenen "Urfaust". In ihm wird Faust zu einer Art Symbolgestalt des Sturm und Drang. Veröffentlicht wurde das Faust-Fragment aber erst 1790, und erst 1808 erschien "Faust. Der Tragödie Erster Teil" mit der vollständigen uns bekannten Handlungsfolge. Zu ihr gehört neben dem Pakt mit Mephisto als zweite zentrale Handlungsebene die "Gretchentragödie", zu der der von Goethe wohl selber miterlebten Kindesmordprozess gegen die Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt 1771/72 den entscheidenden Anstoß gab.
In den erst in Goethes Todesjahr 1832 veröffentlichen "Faust II, Der Tragödie zweyter Theil in fünf Acten" schließlich, dieser Vision eines umfassend entwickelten und tätigen Bürgers, geht dessen ganzes Wissen und Lebenserfahrung ein.
Seitdem haben die Faust-Figur und der Faust-Stoff die Kunst und die Künste nicht mehr losgelassen:

Von 1855 an komponiert Franz Liszt "Eine Faustsymphonie".
1895 entsteht die Oper "Faust" (auch "Margarethe" genannt) von Charles Gounod,
1926 Murnaus berühmter Stummfilm "Faust. Eine deutsche Volkssage",
1936 Klaus Manns Roman "Mephisto",
1947 erscheint Thomas Manns Roman "Doktor Faustus".
1948 findet die Premiere von Werner Egks "Abraxas. Ein Faustballett" statt.
1960 führt Gustav Gründgens Regie in der berühmten "Faust"-Verfilmung, der "Hamburger Inszenierung"

Damit sind nur einige der wichtigsten Werke und Etappen im Hinblick auf die Faust-Thematik und den Faust-Stoff genannt; die nach wie vor große Aktualität dieses Stoffes bzw. Dramas von Goethe zeigt auch die "Frankfurter Inszenierung", vor allem aber auch die monumentale und ungekürzte, über 20 Stunden dauernde "Faust"-Inszenierung Peter Steins auf der EXPO 2000 in Hannover.

Autorin des Artikels ist Kathrin Regenfuß

Quelle: Günther Mahal: ABC um Faust. Ein amüsantes Glossarium mit einer tiefen Referenz vor dem Meister der Schwarzen Magie. Freiburg im Breisgau 1985.

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